In meiner Arbeit bringe ich Menschen bei, Ihren Eigenton wiederzuerlangen und eine Stimme (und eine Sprache) zu entwickeln, die abseits des Inhalts Kompetenz, Selbstbewusstsein und Souveränität vermitteln.
Dabei zeige ich gerne eine Meldung, die 2017 – vor fast zehn Jahren – durch die Medien ging:
„Deutsche Frauen sprechen heute deutlich tiefer als vor 20 Jahren. Das hat eine Messung bei 2 472 Leipziger Bürgern ergeben. Männer sprechen normalerweise durchschnittlich auf einer Frequenz von 110 Hertz, bei Frauen sind es heute 168 Hertz, früher 220. Damit liegt die Frauenstimme jetzt nur noch eine Quinte über der Männerstimme – früher war es eine ganze Oktave. (…) der Zeitgeist hat sich in der Stimme niedergeschlagen. Früher waren hohe Frauenstimmen schick – denken Sie etwa an Doris Day. Es gab viele piepsige, mädchenhafte, süße Stimmen, die nach Schutzbedürfnis klangen. Die heutige Frau steht voll im Leben. Sie muss nicht mehr beschützt werden. Deshalb klingt sie auch anders.“ (Quelle)
Seit ein paar Jahren allerdings beobachte ich zunehmend, dass Frauen wieder höher sprechen (rein subjektive Beobachtung). Um das zu verstehen, habe ich folgenden Prompt an Perplexity gegeben:
„Warum präsentieren sich so viele weibliche Podcast Hosts, Radiosprecher und TV-Moderatoren mit Stimmen und Vokabular, die an kleine Mädchen erinnern?“
Nachfolgend die Antwort. Was das nun bedeutet? Halluziniert die KI? Hat sie etwas auf den Punkt gebracht? Sollten wir Coaches und (Stimm-) Trainer Frauen ermutigen, diese neue Entwicklung nicht mitzumachen, und sich stattdessen für den Kampf gegen sexistische Rollenbilder zu engagieren? Oder sollte man das einfach akzeptieren (und notfalls andere Podcasts, Radio- und TV-Sendungen hören, wenn es nervt)? Was meint Ihr?
„Viele nutzen solche Stimmen, weil sie sich unbewusst an geschlechtsspezifische Erwartungen anpassen, die Weiblichkeit mit Jugendlichkeit, Harmlosigkeit und Nicht-Bedrohlichkeit koppeln – und Medien verstärken genau diese Normen.[1][2]
1. Kultur der Infantilisierung
– In Werbung, Popkultur und Mainstream-Medien wird Weiblichkeit seit Jahrzehnten mit „Mädchenhaftigkeit“ verknüpft: niedlich, verletzlich, nicht zu mächtig.[1]
– Das geht über Optik hinaus und betrifft explizit Sprache und Tonfall: Frauen werden oft als „Mädchen“, „Young Lady“, „Prinzessin“ adressiert, was sie symbolisch aus der Erwachsenenrolle herausnimmt.[3][1]
– Solche Muster prägen, wie Frauen „klingen sollen“, wenn sie akzeptiert oder attraktiv wirken wollen.
2. Macht, Bedrohlichkeit und Stimme
– Eine erwachsene, tiefe, sehr klare Stimme wirkt schnell als **dominant** oder „zu viel“ – gerade in männlich dominierten Feldern wie Politik oder Radio.[2][1]
– Höhere, weichere, mädchenhafte Stimmen signalisieren Unterordnung, Harm- und Konfliktlosigkeit; in konservativen Milieus beschreiben Fachleute das explizit als Strategie, weniger bedrohlich für Männer zu wirken.[2]
– Wer seine berufliche Existenz von Publikum, Chefs oder Algorithmen abhängig sieht, passt sich oft (halb)bewusst an das an, was sozial belohnt wird.
3. Medienlogik und „Marke“
– Radio, Podcasts und TV arbeiten mit starken Rollenbildern: „quirky Girl“, „liebenswerte Chaotin“, „Girl next door“ – die Stimme wird Teil dieser Marke.[1]
– Produzent:innen und Coaches geben teils direkt oder indirekt Feedback, dass freundliche, helle oder „jüngere“ Stimmen besser „ankommen“ und weniger Beschwerden auslösen als sehr nüchterne, autoritäre Stimmen.[4][5]
– Gleichzeitig wird jede Abweichung von unauffälligen Normen – etwa „vocal fry“, Uptalk, monotone Tiefe – bei Frauen massiv kritisiert, was zusätzliche Anpassungsstrategien erzeugt.[6][4]
4. Sprachgewohnheiten und Generationseffekte
– Linguist:innen betonen, dass viele der verbreiteten Sprechweisen (Uptalk, vocal fry, Slang) eher generationstypisch als genuin „weiblich“ sind – nur bei Frauen werden sie stärker pathologisiert.[4][6]
– Junge Moderatorinnen wachsen in einer Kultur auf, in der Pop-Ikonen, Influencerinnen und Serienfiguren sehr kindlich oder „sexy-baby“-haft sprechen; solche Muster werden dann einfach nachgeahmt und normalisiert.[7][1]
– Die Übergänge zwischen „natürlicher“ Stimme und performativer Anpassung sind fließend – viele merken selbst kaum, wie weit sie sich von ihrer ursprünglichen Stimmqualität entfernen.[2]
5. Ambivalenz: Anpassung vs. Widerstand
– Kritikerinnen sehen in der Baby- bzw. Mädchenstimme ein Symptom der patriarchalen Struktur: Frauen kleiden ihre Kompetenz in Harmlosigkeit, um trotz struktureller Abwertung handlungsfähig zu bleiben.[7][1][2]
– Gleichzeitig warnen Feministinnen davor, einzelne Frauen moralisch für ihre Stimme zu verurteilen, statt das System zu hinterfragen, das sie für mädchenhaftes Auftreten belohnt und für „erwachsene“ Stärke bestraft.[4][7]
Quellen:
[1] The Infantilization of Women in Mainstream Media and Society https://www.theverdictonline.org/post/the-infantilization-of-women-in-mainstream-media-and-society
[2] Curious Reads: Baby Voice – by Liz Charlotte Grant – the Empathy List https://www.thempathylist.com/p/curious-reads-baby-voice
[3] Woman, girl, child – the infantilisation of women https://www.linkedin.com/pulse/woman-girl-child-infantilisation-women-dr-elisabeth-loose-shtve
[4] From Upspeak To Vocal Fry: Are We ‘Policing’ Young Women’s … https://www.npr.org/transcripts/425608745
[5] Vocal fry & policing of women’s voices – YouTube https://www.youtube.com/watch?v=G_Zv_K3Xk8U
[6] Stop telling women how they should talk https://mashable.com/article/vocal-fry-upspeak-women
[7] The “Aural Specter” of Baby Voice – by 615 Feminist Zine https://neverhaveievermetyou.substack.com/p/the-aural-specter-of-baby-voice
[8] Kim Tingley’s vocal fry and uptalk : r/Thedaily – Reddit https://www.reddit.com/r/Thedaily/comments/1c6bn6s/kim_tingleys_vocal_fry_and_uptalk/
[9] Language as a social reality: The effects of the infantilization of women https://scholarworks.uni.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1072&context=etd
[10] What’s the social psychology of ‘baby voice’ https://www.reddit.com/r/DuggarsSnark/comments/1nfuqwa/whats_the_social_psychology_of_baby_voice/“







